SIDO: Wenn du genau weißt, wo du stehst, kann dir keine Kritik der Welt etwas anhaben

SIDO im Interview mit Verleger Julien Backhaus

 

Stimmt es, dass du damals mit Rap angefangen hast, weil du in der Schule nach Aufmerksamkeit gesucht hast?

Ja, klingt hart, aber so könnte man das ausdrücken. Ich war nicht besonders beliebt in der Schule. Ich habe gemerkt, dass der Typ mit der Gitarre aus der Schulband ne riesen Warze im Gesicht hatte, da wuchsen schon Haare raus. Aber die Frauen haben trotzdem seine Warze geleckt, wenn er es wollte. Und das war, weil er singen konnte und die ihn in der Band anschmachten konnten mit seiner Gitarre. Da wurde mir klar, wenn ich das hinkriege, dann werde ich vielleicht auch ein bisschen beliebter. Ich hatte keinen Bock auf diesen ganzen Gangster-Scheiß, der dich im Viertel auch beliebt hätte machen können. Dafür war mein Adrenalinhaushalt hoch genug, ich brauchte das nicht. Dann habe ich gemerkt, dass ich nicht singen kann, sonst wäre ich wahrscheinlich in einer Boyband gewesen, weil das damals zu der Zeit die Angesagtesten waren. Dann kam der Rap um die Ecke.

 

Ich habe Bushido mal gefragt, warum er damals mit dem Gangsta-Rap angefangen hat und er sagte: „Ja gut, du fragst einen Elefanten auch nicht, warum er sich so verhält wie ein Elefant, weil man einfach so ist.“ War das bei dir auch so oder war das ein Stilmittel für dich?

Ich habe ja keinen Gangsta-Rap gemacht, also das muss man unterscheiden. Ich habe auch nie erzählt, ich verkaufe irgendwas an irgendwen. Mir war auch immer wichtig, dass ich mich nicht größer mache, als ich bin. Ich habe es immer als Straßenrap betitelt, ich bin eben ein Junge von der Straße gewesen und das war meine Mukke. Ich habe nie sowas erzählt wie: „Ich schlage euch zusammen“ oder „Ich verkaufe viele Gramm an irgendwen und fahre rüber nach Holland über die Grenze“ oder irgend so einen Schwachsinn, was die eben alle erzählen. Ich wollte nie Unsinn reden, sondern authentisch sein. Deswegen kannst du einen Löwen nicht fragen, warum er so ist, der ist so.

 

Du bist heute nicht nur Künstler, sondern auch Unternehmer. Wie sehr liegt dir Business am Herzen? Also deine Tattoo-Studios und all solche Sachen?

Ich habe keine Tattoo-Studios mehr. Mittlerweile habe ich eine andere Firma, die heißt Easy Meal. Da vertreiben wir gesundes Essen, Vodka, Gin und so weiter. Und ich habe eine Plattenfirma. Ich bin da so realistisch, wie man nur sein kann, dass meine Karriere eines Tages vorbei sein wird. Darüber war ich mir schon immer gewiss. Von mir aus mache ich noch bis zum Ende irgendwas. Mit 50 werde ich wahrscheinlich nicht mehr Rappen, aber irgendwo würde ich schon Musik machen. Nur irgendwann wird sich wahrscheinlich keiner mehr für mich interessieren. Das wird passieren. Und die Zeiten werden immer schneller, dass kann sogar schon demnächst sein, also brauche ich ja irgendwas für danach.

 

Macht dir das dann trotzdem Spaß, also kannst du auch da eine Leidenschaft entwickeln oder ist das tatsächlich eine Sache, wo man sagt: „Naja, Geld muss ich ja verdienen“?

Ich mache nur Sachen, für die ich wirklich die Leidenschaft entwickeln kann. Zum Beispiel ist CBD eine Sache, für die ich mich jetzt sehr interessiere und in die ich unbedingt einsteigen möchte. Gesundes Essen, dafür interessiere ich mich sehr und es ist mir sehr wichtig, keinen Müll, wie abgepacktes Fleisch, zu essen. Ich versuche da bei Leuten ein gewisses Bewusstsein zu schaffen. Früher konnte ich es mir nicht leisten. Da hat man dann ‘ne Packung Nudeln gegessen und war glücklich für den Tag. Da war das egal, man konnte sich über sowas nicht so richtig ‘nen Kopf machen. Aber es ist nicht teuer, sich gesund zu ernähren und das ist ganz wichtig. Man sollte das den Leuten sagen.

 

Wann hast du das mit Easy Meal gemacht? Wann ging das los?

Seit Oktober ist die Firma online, aber es gab sie schon anderthalb Jahre vorher. Man arbeitet ja lange bevor man überhaupt online geht.

 

War das eine gemeinsame Idee oder bist du als Investor eingestiegen?

Das war ein Start-up, das mit der Idee zu uns kam. Aber entwickelt haben wir das dann alle zusammen. Die Idee reicht ja nicht.

 

Aber dann müssen die ja auch irgendwie aus dem Musiksektor gekommen sein oder wie kommt man an dich ran als Investor? Oder hast du eine Investment­firma?

Nö, aber das kriegt man schon hin.

 

Jetzt mal zum Thema X Factor: Für deinen musikalischen Aufstieg musstest du hart kämpfen. Können solche Castingshows auch verhindern, dass man sich erstmal über Jahre entwickelt und sich ein dickes Fell zulegt?

Ja, da hast du recht. Es ist schwer, aber ich muss sagen, ich habe mehr Respekt vor jemandem, der sich seinen Erfolg schwer erkämpft hat. Natürlich ist es in den Castingshows auch nicht einfach, weil du auch der beste von allen sein musst, die da kommen. Aber der Weg ist eben sehr kurz und die Zeit danach ist dann sehr schwierig. Wirst du ins kalte Wasser geschmissen und alleine gelassen? Oder bleibt jemand bei dir und du hast einen guten Manager, der dich berät? Das sind alles Sachen, die du keine Zeit hast zu lernen. Die musst du jetzt ganz schnell draufkriegen. Und dazu brauchst du Berater.

 

Aber dann bist du doch schon in der Situation, sozusagen in Watte gepackt zu sein. Du machst dann eigentlich gar keine Fehler mehr, weil du einen perfekten Manager hast. Du suchst dir ja das Team selber aus, dir wird ja nicht aufgezwungen, wer dein Manager sein soll. Du suchst es dir aus und da kannst du Fehler machen, dir ein falsches Team aussuchen. Ich habe auch ein Team, ohne geht es nicht.

 

Du teilst ja aus und steckst aber auch viel ein. Wie geht man so mit Kritik im großen­ Stil um?

Man muss sich ganz bewusst über seinen Standpunkt sein. Wenn man ganz ehrlich mit sich sein kann und sich bewusst ist, dass es immer jemanden gibt, der cooler, besser, schöner, reicher und krasser ist als du und weiß, wo man genau steht, dann kann dir keine Kritik der Welt was anhaben. Du darfst dich nicht größer sehen, als du bist. Dann kann dich jemand schon verletzen, wenn er sagt, dass deine Uhr voll billig ist. Das verletzt dich, weil du denkst: „Boah, ich bin doch so reich.“ Aber du musst einfach wissen, wo du stehst und dass es immer reichere Leute gibt. Du kaufst dir ein Boot für zwei Millionen und einen Tag später fährt einer mit einem Boot für zehn Millionen an deinem Boot vorbei.

 

Ist das ein eventuelles Problem der Castingshows? Die Teilnehmer waren nicht so wie du früher in der Hood und wurden runtergemacht oder kritisiert. Ihr legt euch über die Jahre ein hartes Fell zu und in einer Castingshow wird man gleich zum Erfolg und auf die Titelseiten katapultiert.

Trotzdem reich, trotzdem berühmt und trotzdem wahrscheinlich alles, was man sich je erträumt hat. Die erträumen sich ja nicht den Weg dahin, die erträumen sich nur das, was sie am Ende haben. Wenn es funktioniert, haben die das alles, ohne den langen Weg. Respekt haben sie sich trotzdem verdient. Und sie haben alles, wovon sie geträumt haben, als sie zu diesem Casting gekommen sind. Also nichts zu meckern. Gibt es da ein Erfolgsgeheimnis von Sido oder ein Prinzip, dem du selber versuchst immer treu zu bleiben? Du hast eben schon über Charakter geredet. Ehrlich sein. Immer ehrlich sein und lieber eine Sache nicht ansprechen, wenn du weißt, es könnte jemanden verletzen. Das habe ich gelernt.

 

Bilder: Oliver Reetz